Sonntag, 3. September 2017

Regeln und Dankbarkeit






Wenn ich über unser letztes Zauberfrauenwochenende erzählen will, dann muss ich sicher schon eine Weile vorher anfangen.

So war für das Witch-Camp einmal mehr ein besonderer Gast eingeladen, um uns im Rahmen eines Workshops Einblick in seine spirituelle und religiöse Praxis zu gewähren.
Santeria, ein Ritual für und mit Yemaya, der Mutter der Fische!
Ich weiß nahezu gar nichts über diese Religion mit ihren afrikanischen Wurzeln. Eine Hexenschwester, die bereits im letzten Jahr ein Seminar unserer Dozentin besucht hatte, erzählte mir von den vielen vielen Regeln und Vorschriften, die in der Santeria zu beachten sind. Etwas, dass auf mich für den ersten Moment eher abschreckend gewirkt hätte. 

So ist es doch gerade das freie Fliegen, das mich auf meinem Hexenweg hält und leitet, also die Tatsache, dass ich mir von keinem anderen Menschen vorschreiben oder vorgeben lasse, wie ich meinen Glauben lebe.
Hier darf man allerdings nicht den Fehler begehen, Freiheit mit Beliebigkeit zu verwechseln, die uns Heiden ja so oft vorgeworfen wird. 
 
Es ist nur so (und das mag man bedauern oder als Chance begreifen), dass es nahezu keinerlei Zeugnisse, Belege oder verschriftlichte Überlieferungen über unsere Götter, Geister, Naturwesen und die Anderswelt gibt.
Zu sehr haben Christianisierung und andere zerstörerische Einflüsse der Geschichte die Übertragung religiöser Ansichten und Erfahrungen unserer Vorfahren und Ahnen in die heutige Zeit beeinträchtigt.

Wir stochern in einem unergründlichen Morast, in dem wir Antworten zu finden suchen. Und können dabei nur unserer eigenen Intuition und unserem Bauchgefühl vertrauen.
Wer diesen Weg ernsthaft und mit Ehrlichkeit geht, wird dabei auch nicht bloß die ihm genehmen Aspekte und Überzeugungen übernehmen – das wäre dann ein Fall von Beliebigkeit – sondern auch in die Abgründe schauen und die dunklen Kammern annehmen, die ihm von den helfenden Kräften, die uns stets begleiten, gezeigt werden.
Aber ich schweife ab.

Die Santeria hingegen hat den Vorteil einer ununterbrochenen Kette mündlich weitergegebenen Wissens (wenn auch sicherlich in verschiedenen Linien). So konnten sich im Laufe der Jahrhunderte eben diese Regeln etablieren, mit denen wir Zauberfrauen nun konfrontiert wurden.

Schon Monate zuvor bekamen wir von unserer Santera Antonia erste Informationen über das geplante Ritual, über die zu wählende Kleidung und die zu erbringenden Opfergaben.

Während die Göttin, die mich alltäglich begleitet und der ich mich in einem gewissen Maße vertraut fühle, mir so manches verzeiht und mich immer wieder mit Großzügigkeit beschenkt, wollte ich bei meinem Kontakt mit den Göttern und Geistern der Santeria möglichst kein Risiko eingehen.
So ließ ich also schon bei meinen Vorbereitungen für das Witch-Camp eine ausgeprägte Sorgfalt walten, bügelte mein Ritualkleid mehrfach von beiden Seiten und wählte unter den Opfergaben, diejenigen, mit denen ich am vertrautesten bin. Ich nahm z.B. den Schokokuchen J. Unter den verschiedenen Rezepten, die ich habe, suchte ich dasjenige heraus, dass den Begriff „Schokokuchen“ am besten ausfüllt. Der Inbegriff von Schokolade in Kuchenform. Eigentlich besteht der Kuchen fast nur aus Schokolade.

Schon die Ankunft auf Minervas Hof war ein besonderes Erlebnis. Dank Urlaubs konnten ich und meine Hexenschwester endlich einmal zeitig am Mittag nach Norden starten.
Auf dem Dükerweg wurden wir von einem Falken begrüßt (kein Bussard diesmal). Und in dem Moment, in dem wir auf den Hof einbogen, fiel auch der letzte Rest Alltag von uns ab.
Herrliches Wetter mit Sonnenschein! 
Und Minerva und ihr Mann erwarteten uns bereits!

Der Kräutergarten war in den Monaten seit meinem letzten Besuch schier explodiert! Die Pflanzen eine wahre Pracht und überall blühte es! Die zahllosen Schmetterlinge und Libellen sollten uns das ganze Wochenende umschwirren! Wunderbar und die Seele streichelnd! 

Wir aßen zu Mittag, richteten uns im Ahnenhaus ein, durchstreiften den Garten…und stießen auf die nächste Überraschung: Auf dem Platz des Spiralrituals vom letzten Witch-Camp hatte sich doch glatt eine richtige, wunderbare Spirale manifestiert!
Mit Minervas Hilfe und der ihres Rasenmähers hatte sich die von uns Hexen so kraftvoll ertanzte Spirale aus dem Boden erhoben!
Spontan hielten wir und die ersten weiteren Hexenschwestern und Witch-Camp-Gästinnen, die zwischenzeitlich eingetroffen waren, ein kleines Spiralritual ab, brachten nacheinander unter Trommelbegleitung der Schwestern unsere kleinen Alltagslasten in die Mitte, um sie dort der Göttin zu überantworten und mit frischem Segen und Zuspruch wieder hinauszutanzen.

Bei Kerzen- und Laternenschein saßen wir alle dann später am Abend vollzählig im großen Zelt für unser gemeinsames Abendessen.
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde – denn schließlich gab es auch Gäste beim Witch-Camp, die keine Teilnehmer der regelmäßigen Zauberfrauentreffen sind – beantwortete unsere Santera Antonia dann schon bereitwillig die ersten neugierigen Fragen.

Es ging zeitig los am nächsten Morgen, denn schließlich hatten wir so einiges vor.
Wir warfen uns in unsere Ritualgewänder und trugen unsere Opfergaben zusammen.
Unter Antonias Anleitung wurde dann fleißig sortiert und manches von seiner Kunststoffverpackung befreit.
Antonia richtete dann die verschiedenen Altäre her, für die Ahnen, den Herrn der Türen und schließlich Yemaya, die wir heute um ihre Unterstützung bitten wollten.
Es folgte eine Erläuterung Antonias zum Ablauf des Rituals, zum Hintergrund der Ritualkleidung, der verschiedenen Opfergaben etc., und dann fingen wir an.
Wir ehrten die Ahnen mit Tabakrauch und Rum, mit Schokolade, Bananen und Säften. Antonia begann ihre Zwiesprache mit den Ahnengeistern und wie von ihr zuvor erklärt, baten auch wir der Reihe nach unsere Ahnen herbei.


Nach noch etwas mehr Rum äußerten die Ahnen dann schließlich ihre Zufriedenheit mit den dargebrachten Geschenken und wir konnten weiterziehen zur nächsten Station, Ellegua, dem Herrn der Türen und Götterboten, an dem niemand vorbei kommt, der mit den Orishas reden will.
Hier erfuhr ich meine besondere Gunst, denn Ellegua hatte Gefallen an meinen Rasseln gefunden, die er mir aus dem Gürtel zog, wohin ich sie zur Aufbewahrung gesteckt hatte. Ich hoffe, sie machen ihm nun Freude.

Und dann kamen wir zu Yemaya! Wir trugen unsere Opfergaben in Schüsseln auf dem Kopf. In einer langen Reihe tanzten wir zu karibischer Musik zu ihrem Altar, schwangen schon unsere Hüften, wie Antonia es uns vormachte, setzten unsere Geschenke ab und begannen dann ernsthaft zu tanzen für Yemaya, Meermutter! Mit wogenden Kleidern in überlieferter Schrittfolge tanzten wir im Kreis um unseren Altar, auf dem sich die Früchte, Süßigkeiten, Edelsteine, Muscheln und Silberschmuckstücke häuften, die wir ihr schenken wollten.

Es war ein heißer Tag und der Tanz brachte uns ganz schön ins Schwitzen, aber das bemerkten wir nur am Rande.
Nach dem Tanz nahm sich eine jede von uns eine der mitgebrachten Kerzen, um ihre Wünsche und Bitten an Yemaya hineinzugeben.
Und sie war da, die großzügige Mutter von allen! In dem Moment, in dem ich das hier schreibe, treten mir schon wieder die Tränen in die Augen bei der Erinnerung an die Minuten der Zwiesprache mit der Göttin. 

Ich hatte mir vorher wohl überlegt, worum ich sie bitten wollte. Und dann überkam mich etwas ganz anderes: Die Dankbarkeit, die mich erfüllt, für das größte Glück, das in meinem Leben ist, floss aus mir heraus in diese Kerze.
Ja, ich äußerte auch meine Bitten noch, aber ich weiß gar nicht, ob das überhaupt eine Rolle spielte. Die Dankbarkeit für mein Glück war viel zu überwältigend, brachte mich zum Weinen. Ich gab sie in die Kerze, bot die Kerze auf ausgestreckten Händen der Göttin dar, nur um sie dann wieder an meine Brust zu drücken, als ich als Gegengabe ihre Liebe empfing.

Die Tränen flossen, meine Nase lief, ich musste schniefen.
Wie sich herausstellte, hatten wir alle so unsere Weinanfälle
Da war eine so liebevolle Traurigkeit in uns allen! Auch als wir das Ritual bereits beendet hatten, kamen die Tränen immer wieder zurück. Einfach unglaublich!
Die Kerzen wurden angezündet und damit war das Ritual zunächst abgeschlossen.
Wir Hexenschwestern konnten uns nur schwer vom Ritualplatz trennen. Zu diesem Zeitpunkt war ich völlig erschöpft. Emotional ausgelaugt. Erst die Begegnung mit unseren Ahnen, dann Elleguas Wunsch, meine Rasseln behalten zu dürfen, und dann diese Liebe, ich war fertig!

Gut, dass es jetzt erst einmal etwas zu essen gab.
Doch die Zeit drängte, wollten wir doch die Flut ausnutzen, um unsere Opfergaben an Yemaya in ihre Arme zu übergeben.
So löschten wir schließlich die lodernden Flammen in dem See aus Kerzenwachs und schnürten ein Bündel, groß wie ein Findling, aus unseren Opfergaben. 

Da mussten wir schon alle anpacken, um es überhaupt zum Auto und später über den Deich zum Strand herunter tragen zu können.
Und wieder singend und im wiegenden Tanz schritten wir langsam hinein ins angenehm lauwarme Wasser, das Bündel zwischen uns vor und zurück schwingend. Das Wasser plätscherte uns um die Knie, nässte unsere geschürzten Röcke bis wir unsere Geschenke mit einem letzten Schwung den Wellen anvertrauten.

Ich danke Antonia für dieses unglaubliche Erlebnis und Minerva dafür, dass sie die Zauberfrauen ins Leben gerufen hat und immer wieder ihren Hexenhof für unsere Treffen zur Verfügung stellt.